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Projekt des Monats Mai/Juni: Mithilfe einer Initiative werden Menschen im Rhein-Lahn-Kreis gemeinsam aktiv
Die Initiative 55 plus-minus, bewegt Menschen dazu, selbstwirksam zu werden und Projekte ins Leben zu rufen, in denen viele Menschen eine neue Gemeinschaft erleben können.
Der Rhein-Lahn-Kreis liegt im nördlichen Rheinland-Pfalz an der Grenze zu Hessen. In der ländlichen Region zwischen Mainz und Koblenz leben rund 126.000 Menschen. Neben der Stadt Lahnstein, gibt es fünf Verbandgemeinden. In Bornich, einer kleinen Gemeinde in der Verbandsgemeinde Loreley, lebt Dieter Zorbach. Der 82-Jährige pensionierte Lehrer hat vor 22 Jahren die Initiative 55 plus-minus ins Leben gerufen, unter der wiederum eine beachtliche Anzahl von Projekten und Angeboten im Kreis entstanden ist, die von vielen Menschen genutzt werden. Von Beginn an, ist er Mitglied im ehrenamtlichen Leitungsteam, das Menschen im ganzen Kreis dazu ermutigt, eigene Projektideen zu entwickeln, die laut Zorbach „unter das Dach der Initiative schlüpfen können. Dabei bieten wir nicht nur unseren guten Namen, wir bieten natürlich auch die Öffentlichkeitsarbeit an, die wir machen. Das schafft einer alleine so nicht.“ Wie diese aussieht und was sich hinter der Initiative verbirgt, lesen Sie im Interview.
Dieter Zorbach (Foto: privat)
Herr Zorbach. Sie und die Initiative 55 plus-minus sind schon lange aktiv. Können Sie uns kurz erzählen, wie alles begonnen hat?
Zorbach: Sehr gerne. Die Initiative ist 2003/2004 entstanden, aus meinem eigenen Engagement heraus, denn ich war schon immer sozial aktiv. Damas war ich Lehrer und Schulleiter und habe mich auch intensiv mit der Frage beschäftigt, wie Menschen lernen und sich einbringen. Mein Ansatz war immer: Nicht durch Belehrung, sondern durch gemeinsames Tun entwickelt sich etwas.
Und ich bin dann eher zufällig auf Menschen getroffen, die mit mir auf einer Wellenlänge waren und diesen Ansatz toll fanden. Genau das wollten wir auch außerhalb der Schule ermöglichen – besonders für ältere Menschen. Viele von meinen ersten Mitstreitenden hatten längst auch ihre eigenen Themen, aber sie wussten nicht recht, wie man diese anstoßen und in die Öffentlichkeit tragen kann.
„Gemeinsam eine gute Zeit mit guten Themen und Projekten verbringen“
Was ist das zentrale Konzept Ihrer Initiative?
Zorbach: Unser Motto lautet: „Gemeinsam aktiv werden“. Wir haben bewusst keine klassische Struktur mit Lehrern oder festen Programmen. Stattdessen bringen Menschen ihre Interessen und Fähigkeiten ein und arbeiten gemeinsam an Themen. Jeder kann mitmachen – unabhängig von Vorkenntnissen. Es geht nicht darum, der Beste zu sein, sondern gemeinsam eine gute Zeit mit guten Themen und Projekten zu verbringen und aktiv zu bleiben.
Ein Leitungsteam und viele eigenverantwortliche Projektbetreuer
Sie sind im gesamten Rhein-Lahn-Kreis aktiv. Wie funktioniert das organisatorisch und wer engagiert sich?
Zorbach: Wir sind kein Verein, sondern eine lose Initiative, die beim Evangelischen Dekanat Nassauer Land beheimatet ist. Wir sind da aber da ganz frei und können uns entfalten, wie wir wollen.
Es gibt ein Leitungsteam mit zehn Personen, die sich auch regelmäßig treffen. Das Team übernimmt Planungen, trifft alle grundlegenden Entscheidungen, verteilt auch Aufgaben und ist immer einsatzbereit.
Insgesamt haben wir derzeit rund 40 Projekte mit etwa 70 bis 80 Aktiven, die von ca. 60 bis 86 Jahre alt sind. Über 200 Projekte wurden im Laufe der Jahre angeboten, die zum Teil aber auch aus ganz unterschiedlichen Gründen auch wieder beendet wurden.
Bei den einzelnen Projekten haben unsere Projektbetreuer den Hut auf. Sie organisieren diese eigenverantwortlich, inklusive der Raumorganisation, welche wir auch manchmal seitens des Leitungsteams übernehmen. Prinzipiell zahlen wir aber nie eine Raummiete. Zumal wir all unsere Projekte immer kostenlos, also ohne Teilnahmegebühr anbieten.
Benötigt jemand konkrete Hilfe, kann man mich über eine Telefonnummer der Initiative anrufen. Wenn ich dann zum Beispiel nicht helfen kann, dann gibt es immer zwei, drei Leute in unserem Netzwerk, die auch dort vor Ort vorbeischauen können. Ich will aber betonen, dass wir bei der Vermittlung von Daten sehr vorsichtig sind. So klären wir sehr genau, ob jemand, der zum Beispiel Unterstützung bei der Bedienung seines häuslichen Computers nachfragt, einen Besuch des Helfers bzw. der Helferin in der Wohnung möchte. Oft ist diese Unterstützung, also die Problemlösung, schon bei einem Telefonanruf oder in einem extra organisierten Zoom-Meeting möglich.
Eine große Angebotspalette, genutzt von rund 4500 Menschen im Jahr 2025
Und welche Themen bzw. Projekte werden zum Beispiel innerhalb der Initiative angeboten?
Zorbach: Die Vielfalt ist tatsächlich groß. Sie reicht von Ahnenforschung über Lesepatinnen, Treffen in der Musik- bzw. der Malgruppe, Zoom-Sprachgruppen für Englisch bzw. Französisch, Gehirn-Jogging bis hin zu digitalen Themen wie Smart Home oder Alexa, die etwa hybrid stattfinden. Das heißt, es kommen Leute vor Ort, um diese Dinge anschaulich erklärt zu bekommen. Menschen, denen die Anfahrt in dem Landkreis zu weit ist, können sich online zuschalten. Besonders gefragt sind auch Angebote rund um Demenz – sowohl zur Information als auch zum Erfahrungsaustausch für Angehörige.
Wir sind aber auch generationsübergreifend unterwegs. So gibt es Lesepatenschaften oder Handwerkspaten, bei denen sich auch Jüngere engagieren. Lesepaten gehen in Altenheime, aber auch in Kitas und sprechen oder malen dort mit den Kindern über das Vorgelesene. Die Handwerkspaten wiederum begleiten die Drei- bis Fünfjährigen in den Kitas beim Sägen, Hämmern und Schmirgeln an ihren Werkstücken.
Ein echtes Highlight sind übrigens unsere „unbekannten Wanderwege“. Einmal im Monat gehen 30 bis 70 Menschen gemeinsam mit einer Försterin wandern – inklusive fachlicher Einblicke und anschließendem Beisammensein mit Kaffee und Kuchen in einem Gasthaus oder einer Scheune.
Wie viele Menschen erreichen Sie insgesamt?
Zorbach: 2024 hatten wir im Rhein-Lahn-Kreis inklusive einigen hessischen Randgebieten etwa 360 Veranstaltungen mit rund 4000 Teilnehmenden. Vor der Corona-Zeit waren es sogar noch mehr, da lagen wir bei rund 410 Veranstaltungen mit 6000 Teilnehmenden. Man merkt bis heute, dass sich die Lebensweise der Menschen verändert hat – viele sind zurückhaltender geworden.
„Selbstwirksamkeit stärken, Einsamkeit begegnen“
Was motiviert die Menschen, bei der Initiative mitzumachen oder selbst Angebote einzubringen?
Zorbach: Ein ganz wichtiger Punkt ist die Stärkung der Selbstwirksamkeit. Viele Menschen trauen sich zunächst nicht, ein eigenes Angebot zu starten. Wir ermutigen sie und unterstützen bei Bedarf. Wenn sie dann merken, dass sie etwas bewegen können, wächst das Selbstvertrauen enorm.
Gleichzeitig geht es auch darum, Einsamkeit zu begegnen. Viele Menschen suchen Gemeinschaft und das Gefühl, gebraucht zu werden – genau das finden sie bei uns.
Für alle Themen offen und einer breiten Öffentlichkeit vermitteln
Wie läuft die Entwicklung eines Angebotes konkret ab?
Zorbach: Das ist sehr dynamisch. Welche Projekte heute, morgen oder übermorgen dazukommen, ist nicht wirklich absehbar. Leute rufen mich an mit ihren Ideen, stellen sie vor und können sie dann unter dem Dach der Initiative als Projektbetreuer verwirklichen Vielleicht einmal zwei Beispiele:
Eine Frau, hat sich vor einem dreiviertel Jahr bei mir gemeldet. Ihr Thema war das Stricken. Sie war so euphorisch und überzeugt davon, Leute dafür zu motivieren – obwohl es gerade Sommer war – so was darf man dann nicht bremsen.
Ein anderes Beispiel: Dieser Tage rief mich eine Krankenschwester an, die in einer psychosomatischen Klinik arbeitet. Demnächst geht sie in Rente. Was sie dort besonders gelernt habe, sei Gespräche zu führen und zuzuhören, erzählte sie mir. Dann frage ich mich, wie kann man ihr Wissen und ihre Fähigkeit einsetzen. Also wie kann man aus diesem Talent, ein Angebot entwickeln. Und dafür müssen wir dann eine Öffentlichkeit herstellen, Interesse und Zutrauen wecken.
Eine App für Alle
…und wie genau stellen Sie die Öffentlichkeit her?
Zorbach: Zum einen über regionale Medien und Mitteilungsblätter im ganzen Rhein-Lahn-Kreis. Zum anderen über unseren Terminkalender der Website und besonders über unsere eigene App – die „LENe-App“, wo man im Vorfeld der Veranstaltungen und Angebote noch genaueres über die Termine und Inhalte erfährt. Wir haben übrigens zwei bis drei Leute, die die vielen Termine regelmäßig in unsere Terminkalender auf der Webseite und der App einpflegen.
Erzählen Sie uns mehr über die App.
Zorbach: Die LENe-App steht für „Lokale Erwachsenenbildung und Netzwerk für soziale Kontakte“. Sie wurde gemeinsam mit der Fern-Universität in Hagen entwickelt, programmiert und wissenschaftlich begleitet. Finanziert wurde die App mit Fördermitteln u.a. der Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, des Bundeslandwirtschaftsministeriums und der Universität. Insgesamt sind rund 400.000 Euro in die Entwicklung geflossen.
Die App zeigt alle Termine und Angebote – nicht nur von uns, sondern auch von anderen sozialen Organisationen. Diese können die Plattform kostenlos nutzen und dort ihre eigenen Inhalte einstellen.
Das heißt, die App ist offen für alle anderen Initiativen?
Zorbach: Genau. Jede seriöse soziale Organisation kann sich beteiligen und eine eigene „Heimat“ in der App bekommen. Dafür müssen Interessierte, also Verantwortliche dieser Gruppe, uns nur eine E-Mail schreiben und wir richten das dann ein. Mitarbeitende dieser neuen Heimaten werden dann von uns geschult, damit sie selbstständig weiterarbeiten können. Denn unser Ziel ist es, möglichst viele Angebote für unterschiedlich Interessierte sichtbar zu machen – unabhängig davon, von wem sie kommen.
Derzeit haben knapp 20 Organisationen eine „Heimat“ in der App. Ich kann sagen, ich habe diese App schon bei unterschiedlichsten sozialen Institutionen und Universitäten in Deutschland vorgestellt und noch nirgendwo irgendetwas Besseres gesehen.
„Keinen Fördertopf auslassen“
Wie finanzieren Sie die Arbeit der Initiative?
Zorbach: Wir arbeiten ehrenamtlich und finanzieren uns über Fördermittel, Stiftungen und Zuschüsse. Das bedeutet auch: Wir müssen regelmäßig Anträge stellen – das gehört dazu und das fällt in meinen Aufgabenbereich, man darf da keinen Fördertopf auslassen. Über die Jahre bin ich in diese Thematik reingewachsen und kenne mich inzwischen ganz gut damit aus, worauf bei der Formulierung der Anträge zu achten ist. Bisher hat noch niemand gesagt, dass er oder sie mir diese Arbeit abnehmen will.
Mitfahrbörse für Mobilität und Kontakte
Welches neue Projekt treibt Sie gerade an?
Zorbach: Aktuell arbeiten wir zum Beispiel an einer Mitfahrbörse, einer Mobilitätshilfe, die noch 2026 an den Start gehen soll. Wir haben ja bereits in der LENe-App einen Button „Handeln“, worüber Gesuche und Angebote eingestellt werden können. Wir wollen nun auch, dass in ähnlicher Weise gezielt Fahrten in unserer ländlichen Region angeboten und nachgefragt werden können, etwa für Besuche oder das Wahrnehmen von Terminen. Gerade für viele Ältere oder auch Menschen, die zum Beispiel ein Gipsbein haben, ist es ja lästig, wenn sie ständig jemanden aus der Familie oder im Bekanntenkreis fragen müssen, ob sie hierhin oder dorthin und womöglich auch noch regelmäßig in andere Gemeinden oder weiter entfernte Städte gefahren werden können. Bei vielen funktioniert es einfach auch nicht gut, weil zum Beispiel der Neffe für seine Tante nie Zeit hat oder aus welchen Gründen auch immer.
Das Ganze soll natürlich kostenlos sein. Das Konzept bietet zudem die Chance, jemanden neu kennenzulernen. So ergeben sich über die Mitfahrbörse im besten Fall auch neue soziale Kontakte, womöglich über Generationen hinweg.
Damit Ältere, die keine digitalen Geräte nutzen, von dem Angebot nicht ausgeschlossen werden, wollen wir ihnen zudem Paten an die Seite stellen, die wir extra dafür schulen wollen. Die Paten sollen den Älteren dabei helfen, die digitalen Geräte für die Mitfahrbörse nutzen zu lernen, oder aber sie vermitteln die Mitfahrangebote direkt für sie über die App.
„Ein ganz neues Leben“ durch Engagement
Sie engagieren sich seit über 20 Jahren in diesem Projekt. Was treibt Sie persönlich an?
Zorbach: Ich wollte nach meinem Berufsleben nicht in ein „Loch“ fallen, wie es viele erleben. Stattdessen ist mit meinem Engagement für mich ein ganz neues Leben entstanden. Es erfüllt mich, zu sehen, wie Menschen aktiv werden, sich einbringen und Gemeinschaft erleben.
Vielen Dank für das Gespräch Herr Zorbach.
Weitere Informationen zur LENe-App von der Evangelische Landesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung in Rheinland-Pfalz e.V.
Kontaktdaten und mehr Informationen zur Initiative 55 plus-minus finden Sie auf deren Webseite bzw. im Projektefinder der Landesinitiative.