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Projekt des Monats März/April: Mit Herz und Hand wird in Bad Salzig Nachbarschaft gelebt und unterstützt

Selfie-Bild eines Mannes der als Nikolaus mit weißem Bart und roter Mütze verkleidet ist, im Hintergrund ein Mann der Gitarre spielt und ältere Menschen an gedeckten Tischen.
Peter Tomczak als Nikolaus bei entsprechender Feier des Vereins. (alle Fotos: Bürgerhilfe "mit Herz und Hand" Bad Salzig e.V.)
Gruppenbild mit Männer und Frauen mittleren Alters sowie Kindern hinter einem Tisch mit Thermoskannen, Kuchen und Tischkasse
Aktive des Vereins (in grün) beim gemeinsamen Kaffee- und Kuchenstand mit den Fördervereinen der KiTa und der Grundschule.
Älterer Mann und jüngeres Mädchen stehen vor einer Bruchsteinwand eines Gebäudes und halten einen großen Karton zwischen sich in den Händen.
Peter Tomczak bei der Übergabe eines großen TV-Gerätes an den Jugendraum.
Bruchsteingebäude mit hohem Giebel und Uhr, im Hintergrund ein DB-Schild.
Der Alte Bahnhof in Bad Breisig, in dem sich mehrere Mehrzweckräume, eine große Küche, eine Teeküche, das Dorfmuseum „Gute Stube“ und der Jugendraum im Anbau befinden. Er wird von den Ortsvereinen vielfältig für Treffen und Veranstaltungen genutzt. (Foto:
Kleine weiße Kapelle auf einem Hügel mit Weinreben in Winterlandschaft mit Schnee.
Die evangelischen Kapelle mit dem unterhalb liegenden kleinen Weinberg der Hobbywinzer. Die Kapelle gehört der evangelicschen Kirchengemeidne Boppard. Sie wird genutzt für Gottesdienste (evang. u. kath.), als „Genießerstube“, Treffpunkt der Pfadfinder od

Fast so lange wie der Verein besteht ist Peter Tomczak mit dabei – bereits seit zehn Jahren auch als Vereinsvorsitzender. Neben administrativen und repräsentativen Aufgaben übernimmt der 60-Jährige inzwischen auch einige Vereinsangebote. Der Ingenieur bei Ford, der heute in der Software-Entwicklung arbeitet, war von Beginn an überzeugt von der Idee einer organisierten Nachbarschaftshilfe in dem rund 2500 Einwohner zählenden Dorf. Denn die traditionell eigentlich lang und gut funktionierenden Nachbarschaften benötigten Unterstützung. Warum, das berichtet er im Interview ebenso wie über die Vereinsstruktur, das Miteinander und die vielen Angebote und Ideen im Ort.

Peter Tomczak, Vorsitzender des Vereins „Mit Herz und Hand" Bad Salzig, mit einem Glas Wein im Außenbereich

Peter Tomczak (Foto: privat)

Herr Tomczak in ihrem Verein stehen sie – wie es der Vereinsname schon sagt – „mit Herz und Hand“ den Bad Salzigern zur Seite. Warum ist das vonnöten?

Tomczak: In Bad Salzig gibt es bereits seit dem Mittelalter eine lange Tradition organisierter Nachbarschaften. Noch heute existieren drei Nachbarschaften, die St. Ägidius, die St. Johannes und die St. Sebastianus Nachbarschaft. In diesen Nachbarschaften gibt man sich gegenseitig Hilfestellungen, ob der Witwe oder dem Witwer, ob beim Hausbau oder als Sargträger, wie das so ist in einem gut funktionierenden Ort. 

Aber wir haben feststellen müssen, dass immer wieder auch Menschen aus dem Ort wegziehen oder tagsüber auspendeln und deswegen zunehmend Hilfestellungen schwieriger werden. Vor dem Hintergrund, dass immer mehr ältere Menschen im Ort leben und auch selbstbestimmt bleiben wollen, hielten es die Nachbarschaften als Initiatoren des Vereins für eine gute Idee, eine organisierte Nachbarschaftshilfe zu aufzubauen.

Welche Rolle haben Sie dabei gespielt?

Tomczak: Ich gehöre nicht zu den Initiatoren, doch ich lebe seit 60 Jahren im Dorf – zwischenzeitlich auch einmal jobbedingt in Köln, wo ich auch heute noch hin zur Arbeit pendele. Aber ich bin auch gerne wieder hierhin zurückgezogen. 

Der Verein besteht seit 2010. Ich bin zusammen mit meiner Frau kurz später eingetreten, weil uns die Idee überzeugt hat. Vor zehn Jahren sind wir dann zusammen in den Vereinsvorstand gewählt worden, ich als Vereinsvorsitzender, der ich seitdem auch geblieben bin, sie als zweite Schriftführerin. Derzeit sind wir acht Vorstandsmitglieder und jetzt im April steht die nächste Wahl an. Ich werde den Vorsitz weitermachen, auch wenn ich sicher bald mehr als Aktiver tätig sein kann. Ich habe festgestellt, dass ich die Vereinsorganisation gut neben meinem Job gehandelt bekomme und habe nun auch schon eine gewisse Routine als Vorsitzender entwickelt. Die Vereinsarbeit macht mir insgesamt viel Spaß und ich empfinde sie als sinnvoll.

Vereinszweck: die Kinder- Jugend- und Altenhilfe

Wieviel Menschen sind im Verein organisiert und wie sieht die Vereinsstruktur aus?

Tomczak: Der Verein hat circa 220 Mitglieder, davon rund 30 bis 35 Aktive. Wer Nachbarschaftshilfen in Anspruch nehmen möchte, muss Vereinsmitglied sein. Unsere aktiven Helferinnen und Helfer können durch ehrenamtliche Unterstützung Punkte ansammeln und diese später wieder als Unterstützungsleistung einlösen. 

In unserer Satzung ist als Vereinszweck die Kinder- Jugend- und Altenhilfe festgeschrieben. Aber die Angebote richten sich tatsächlich eher an den Älteren aus und auch das Durchschnittsalter der Mitglieder beträgt etwa 70 Jahre. Dieses wird dann schon einmal gedrückt, wenn eine ganze Familie mit Kindern in den Verein eintritt, aber die Kinder treten in der Regel mit 18 wieder aus. Und das ist auch normal, denke ich. Da kommen Ausbildung oder Familiengründung, die dann Priorität haben. Ideell werden wir von den jungen Familien jedoch auch immer weiter unterstützt. Erst mit 50+ haben dann die Leute wieder mehr Zeit zu helfen. Dafür benötige ich vor allem solche Menschen, die auch tagsüber Zeit haben.

Immer erreichbar und mit vielen Unterstützungsangeboten am Start

Welche Hilfe und Unterstützung bietet der Verein denn an und wie funktioniert das Ganze?

Tomczak: Wir betreiben ein Telefon mit Anrufbeantworter 24 Stunden, sieben Tage die Woche, über das sich die Hilfesuchenden mit ihren Anliegen melden. Von der Stadt Boppard haben wir ein kleines Büro gestellt bekommen, indem sich auch der AB befindet. Aktive, die Telefondienst haben, vermitteln dann klassische kleine Hilfe- und Unterstützungsleistungen. 

Im Jahr haben wir etwa hundert Hilfedienste, wobei einige auch sich wiederholende Leistungen sind wie zum Beispiel regelmäßiges Einkaufen.

Der Renner ist derzeit Unterstützung beim Getränkekauf, denn momentan haben wir keinen Getränkelieferanten mehr im Ort, der die Wasserkästen bringt. Begleitungen zum Arztbesuch sind auch regelmäßig gefragt. Wir wechseln Lampen und helfen auch schon einmal einen Schrank aufzubauen. 

Es kommen immer wieder auch neue Angebote und Ideen dazu. So zum Beispiel das eines älteren Herrn. Er war mit über 80 Jahren total fit im Umgang mit dem Smartphone und hat einmal im Monat eine Smartphone-Sprechstunde angeboten, die auch von Menschen über Bad Salzig hinaus aufgesucht wurde. So hat er etwa einem 90-jährigen erklärt, wie er über ein Tablet mit seinem Bruder in Kanada telefonieren und mit ihm Kontakt halten kann. Leider ist er inzwischen verstorben, aber die Smartphone Sprechstunde findet mit neuen „Smartphone Professoren“ weiter regelmäßig statt.

Wir betreiben außerdem einen Defibrillator im Ort und betreuen ein Bücheraustauschregal, das wir im Foyer unseres Feuerwehrgerätehauses installiert haben. Angebote, bei denen ich auch aktiv mitarbeite.

Punkte für Hilfe, Hilfe gegen kleines Geld: „Wir haben beschlossen, das ganze System erst einmal auszusetzen“

Wie sieht es mit der Finanzierung aus?

Tomczak: Wir erheben einen Jahresbeitrag von sechs Euro für die Vereinsmitgliedschaft, die ja der Eintritt für sämtliche potenziellen Hilfeleistungen ist. Ansonsten leben wir von Spenden, auch von Vereinsmitgliedern, die häufiger schon einmal dreistellig sind. Für Hilfeleistungen verlangen wir dann für die erste halbe Stunde einen Euro, für jede weitere 50 Cent. Im Moment haben wir diese Aufwandsentschädigung aber ausgesetzt. Es ist Buchungsaufwand und wirklich Bedürftige finden dann vielleicht jeden Euro, den sie zusätzlich zahlen müssen, schmerzhaft, während ich großzügigen Spendern aus dem Verein nicht noch zusätzlich ein paar Euro abverlangen will. 

Auch das Punktesystem für die Aktiven ist vom Prinzip her gut. Aber die Helfenden sind oft glücklicher als diejenigen, die Hilfe bekommen und engagieren sich so gerne und regelmäßig, dass sie einen so hohen Punktestand aufbauen, den sie später gar nicht mehr einlösen können. Das System ist vielleicht gut in Orten, in denen man sich nicht so gut kennt, um Hemmschwellen abzubauen, aber wir kennen uns ja eigentlich irgendwie alle im Ort. Daher haben wir beschlossen, das ganze System nun erst einmal auszusetzen – und beobachtet, dass seitdem die Hilfeanfragen sogar wieder gestiegen sind.

Richtet sich der Verein eigentlich auch mit Angeboten gezielt an die Jüngeren im Ort?

Tomczak: Wie schon erwähnt gehört zum Vereinszweck ja auch die Kinder- und Jugendhilfe. Angebote für die Jüngeren, etwa Kinder- oder Hausaufgabenbetreuung, das organisiert sich im Ort jedoch von selbst, außerhalb des Vereins zwischen den Eltern.

Aber auf unserem Spielplatz gibt es eine Tischtennisplatte. Wir sorgen dafür, dass immer eine Kiste mit Bällen und Schlägern vorhanden ist und unterstützen so auch etwas die Jungen im Ort und wollen auch so wahrgenommen werden. 

Außerdem haben wir auch bei der Renovierung des Jugendraums unterstützt.

Drehpunkt „alter Bahnhof“ als Vereinszentrum, Treff- und Veranstaltungsort

Ich schätze es gibt auch organisierte Gemeinschaftsaktionen? Was bietet der Verein für das Miteinander?

Tomczak: Zum einen entstehen ja durch den Verein neue feste Beziehungen untereinander. Beispielsweise hat er etwa zwei alte Damen zusammengebracht, von denen eine nicht mehr gehen kann und die von der anderen nun regelmäßig besucht wird.

Zum anderen sind Treffpunkte wichtig für das Miteinander. Im „Alten Bahnhof“, dem Vereinszentrum des Ortes, in dem sich eine Küche und ein Veranstaltungsraum mit Tischen und Stühlen befindet, findet bereits seit mehr als zehn Jahren der Spielenachmittag statt, der eigentlich ein Seniorentreffpunkt geworden ist. Die Älteren stehen schon Schlange an der Tür bevor geöffnet wird. Übrigens helfen uns immer ein paar Jugendliche vom Jugendraum, der sich ebenfalls im Bahnhof befindet, wenn wir die großen Tische vom Spielenachmittag wieder abbauen müssen.

In dem Veranstaltungsraum haben wir vergangenen Januar zudem erstmals einen Beratungsvortrag zur Kriminalität angeboten und wollen das nun mit noch weiteren Infoveranstaltungen etwa zur Vorsorgevollmacht zu einer Serie ausbauen.

Der Bahnhof gehört der Stadt Boppard und steht allen Vereinen im Ort als Treff- und Veranstaltungsort zur Verfügung. 

Sie haben also noch eine gute Vereinsstruktur im Ort?

Tomczak: Ja, Bad Salzig ist ein sehr aktiver Ort mit einem regen Vereinsleben. Bei nur rund 2500 Einwohnern haben wir drei Musikvereine, einen Fußball- und Tennisverein, einen Verkehr- und Verschönerungsverein, die Feuerwehr und die DLRG, mehrere Fördervereine mit unglaublich vielen Engagierten, die sich alle gut kennen, sich immer wieder über dem Weg laufen und gut zusammenarbeiten. Zusammen mit unserem Verein und unserem sehr aktiven Ortsvorsteher haben wir hier ein gutes Netzwerk, das funktioniert und sich gegenseitig unterstützt.

Wir beteiligen uns zudem einmal im Jahr an einem Vereinsring. Dort treffen sich alle Vereine von Bad Salzig, um zum Beispiel die Kirmes zu organisieren und Termine abzustimmen.

Fokus auf Bad Salzig: „Je größer wir werden, desto schwieriger die Organisation“

Wenn es in Bad Salzig einen Ortsvorsteher gibt, dann ist der Ort also keine eigenständige Gemeinde mehr? Wie sieht der Kontakt zu Nachbargemeinden aus?

Tomczak: Bad Salzig gehört zur verbandsfreien Stadt Boppard mit drei Ortsbezirken im Rheintal und sieben weiteren auf den Rheinhöhen. So wie etwa Buchholz im Hunsrück. Das ist ein Ortsteil, der wächst, und in den die neuen Leute nachziehen, denn im engen Rheintal können sich die Ortsteile kaum noch ausdehnen. In Bad Salzig haben wir etwa kaum noch Zuzug. 

Regelmäßig fragen Menschen aus anderen Ortsteilen bei unserem Verein an, aber wir können das nicht leisten. Denn je größer wir werden, desto schwieriger wird es mit der Organisation. Wir bieten deshalb aber immer wieder denjenigen, die bei uns anfragen, unsere Unterstützung an, auch bei ihnen in den anderen Ortsteilen eine Nachbarschaftshilfe aufzubauen. Dazu ist es bisher jedoch nicht gekommen.

„Unser Netzwerk ist der Ort Bad Salzig“

Wie bedeutend ist Ihre Netzwerkarbeit für Ihren Verein und gibt es einen guten Draht zur Stadt Boppard?

Tomczak: Da ich auch in anderen Vereinen sowie als Ortsbeirat und zwei Stadtausschüssen tätig bin, habe ich persönlich ein großes und gut etabliertes Netzwerk.

Doch unsere Bürgerhilfe in Bad Salzig funktioniert eigentlich ganz gut ohne das große Netzwerk drumherum. Wir benötigen den Schreibtisch, Drucker und AB. Die Stadt finanziert unseren Raum, das 24-Stunden-Telefon und geringe andere Kosten. Die Stadt hat zudem ja ein jährliches Budget für die Altenhilfe und jeder Stadtteil erhält davon einen Förderbeitrag zur eigenen Verwendung.

Unser Netzwerk ist der Ort Bad Salzig, das genügt für unseren Verein. 

Neues aufbauen und unnützes Altes über Bord werfen

Welche Ideen und Ziele verfolgen Sie kurz mittel- oder auch längerfristig mit der Bürgerhilfe…?

Tomczak: Insgesamt denke ich, dass Nachbarschaftliche Hilfe eine konstante Notwendigkeit ist, da auch Menschen immer wieder sterben und Neues aufgebaut werden muss. So kommen in den Verein und seinen Vorstand immer wieder neue Mitglieder und neue Ideen, die dann umgesetzt werden können. Unsere Grundidee zu helfen und unterstützen wollen wir uns also weiterhin bewahren, dabei werfen wir aber auch Dinge über Bord, wie zum Beispiel unser Gebührensystem, wenn sie keinen Sinn mehr ergeben.

Eine Idee, die ich derzeit noch verfolge, ist es eventuell einen Bürgerbus in Bad Salzig zu organisieren, aber die Idee steckt noch in den Anfängen, wird aber auch von anderen Initiativen angedacht.

Offen für Impulse von außen

Das hört sich doch nach einer guten Idee an. Aber an denen scheint es in Bad Salzig mit der intakten und interaktiven Vereinsstruktur ja ohnehin nicht zu mangeln…

Tomczak: …das kann ich so unterschreiben. Wir sind aber auch sehr offen für Impulse von außen. Erwähnen möchte ich hier etwa unseren Kontakt zu Bernd Gard und seinem Konzept der Dorferneuerung nach dem Saarburger Modell. Da ist richtig was in unserem Dorf entstanden. Er hat Gesundheitsthemen angeregt und Leute zusammengebracht, damit sie sich fragen, was sie für unseren Ort tun können. So haben sich bei dem Dorfcheck immer so fünf bis sieben Leute zusammengesetzt und sich eines Themas angenommen.

Aus Mangel an Treffpunkten ist aufgrund seiner Anregung auch die einmal im Monat stattfindende Genießerstube entstanden – ein Weintreff in einer ehemaligen Kapelle, die die evangelische Kirche kostenfrei zur Verfügung stellt. Auch der Kneipenquiz, bei dem sich jeden Monat rund 30 Leute treffen, ist auf seine Initiative hin entstanden.

Der Herr Gard hat da eine unglaubliche Energie in unser Dorf mitgebracht und ist, obwohl er von der Saar kommt, gleich Mitglied in zwei Dorfvereinen bei uns am Rhein geworden.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Tomczak.

Weitere Informationen auf der Webseite des Vereins oder im Projektefinder der Landesinitiative.

Hintergrund zum Saarburger Modell in dem Interview mit Bernd Gard.

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